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Rede am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Von Dr. Helmut Seifen gehalten am 27.01.2022 im Parlament von Nordrhein-Westfalen

Sehr geehrter Herr Präsident!
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!

Der 27. Januar erinnert an den Tag, an dem im Jahr 1945 das Vernichtungslager Auschwitz durch sowjetische Truppen erreicht wurde und die noch lebenden Häftlinge befreit werden konnten.
Auschwitz repräsentiert und offenbart mit seinem Fließbandsystem des millionenfachen Mordens das terroristische Wesen der nationalsozialistischen Ideologie und Herrschaft und steht stellvertretend für die anderen Vernichtungslager.
Unterdrückung, Verfolgung, Versklavung und Ermordung von Menschen und Völkern waren keine Betriebsunfälle, keine Verirrungen des Systems, sondern sein innerer Markenkern und der Hauptzweck, das eigentliche Ziel seiner Politik.
Die sozialdarwinistisch orientierte Ideologie des Nationalsozialismus hat nicht nur das fünfte Gebot „Du sollst nicht morden“ missachtet; ihr Ziel war die völlige Beseitigung des fünften Gebots, die Beseitigung des Gebots der Lebensheiligung, wie sie durch das Alte Testament und über das Christentum in die Welt gekommen ist – Kampf gegen die Lebensheiligkeit.
So stehen die Menschen damals wie heute fassungslos vor den Massen an willkürlich ermordeten Menschen aller Altersstufen und Nationen und nehmen mit Entsetzen wahr, dass die Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft in Europa wahllos und begründungslos ausgerottet werden sollten.
Deshalb verbietet sich auch jede Gleichsetzung oder Analogie heutiger Zustände oder Aktionen mit denen im Nationalsozialismus. Wer das tut, hat nichts vom Nationalsozialismus und seiner Mordorientierung verstanden, verkennt seine Ausrichtung auf Mord und Vernichtung und setzt sich dem Verdacht aus, Nutzen für eigene politische Zwecke zu ziehen.
Vielleicht verführt die Tatsache, dass all diese grauenhaften Taten von normalen Menschen begangen worden sind, zu dieser leichtfertigen, aber gedankenlosen Analogie, denn auch wenn man sich das Gehirn zermartert, kann man dieses Abgleiten all der Menschen, die diese Tötungsmaschinerie bedienten, in diese Grausamkeit einfach nicht verstehen.
In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, dem Land, in dem der Neuhumanismus maßgeblich zur Emanzipation der Juden, zu sozialen Ausgleichsbewegungen und zur politischen Demokratisierung beigetragen hat, kannte fast jeder Schüler Goethes Gedicht „Das Göttliche“:
„Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.“
In der letzten Strophe heißt es:
„Der edle Mensch sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff‘ er das Nützliche, Rechte, sei uns ein Vorbild jener geahneten Wesen!“
Das Unverstehbare türmt sich noch höher auf, wennman bedenkt, dass hier nicht einzelne Menschen am Werk waren, sondern dass die Verfolgung und Ermordung der Juden als Gesellschaftsverbrechen aufzufassen sind.
Dieselben Bürger, die 1933 möglicherweise sogar skeptisch auf die Machtergreifung der Nazis reagiert hatten, sehen ab 1941 die Deportationszüge vom Bahnhof Grunewald in Berlin abfahren. Nicht wenige von ihnen haben inzwischen arisierte Kücheneinrichtungen, Wohnzimmergarnituren oder Kunstwerke gekauft. Einige führen Geschäfte oder wohnen in Häusern, die den jüdischen Besitzern abgenommen worden sind.
Bei Gesellschaftsverbrechen gibt es nie auf der einen Seite Täter, die Verbrechen planen, vorbereiten und ausführen, und auf der anderen Seite Unbeteiligte und Zuschauer. Es gibt nur Menschen, die – der eine intensiver und engagierter, der andere skeptischer und gleichgültiger – eine gemeinsame Wirklichkeit herstellen, indem sie die von den Tätern ausgehenden Verordnungen übernehmen, befolgen und auf andere anwenden.
Mit ihrem Einvernehmen mit den Herrschenden und Gesinnungsgenossen verschärfen sie das Ausgrenzen all derjenigen, die sich diesem Einvernehmen nicht zugesellen wollen oder dürfen. Harald Welzer bezeichnet die nationalsozialistische Gesellschaft deshalb als partizipatorische Ausgrenzungsgesellschaft.
Diese Wirklichkeit stellt den Referenzrahmen her, indem die Menschen ihre Entscheidungen treffen.
Denn Menschen handeln weniger nach ihren Überzeugungen und Vorstellungen, wie man glaubt und wie wir alle glauben möchten, sondern die meisten Menschen handeln nach dem, was man von ihnen erwartet. Sie sind überwiegend gehorsam.
So wurde aus dem gewissenhaften Hausmeister über Nacht ein beflissener Blockwart. Aus einem akribisch arbeitenden Juristen der Weimarer Republik, der seinen Grips angestrengt hat, um möglicherweise etwas über das Arbeitslosengesetz auszuführen, wird ein Ministerialbürokrat, der genauso akribisch die Nürnberger Rassegesetze ausarbeitete und damit die Verbrechen an den Juden vorbereitete.
Und aus dem Lokführer, der jahrelang Kohle und Holz transportiert hat, wird jemand, der die Waggons nach Auschwitz fährt.
So, wie das Leid der Opfer uns bis heute erschüttert, hält sich unser Entsetzen und unser Schrecken bis heute darüber, dass normale Menschen in einem verbrecherischen System auf das unmoralisch-verbrecherische Niveau der Machthaber haben herabsinken können.
Wenn das so ist, dann stehen grundsätzlich alle Menschen in der Möglichkeit des moralischen Versagens. Deshalb sollten wir jedes Gedenken an die Gesellschaftsverbrechen im Nationalsozialismus in Demut begehen und jeden Anschein unserer moralischen Überlegenheit vermeiden.
Der Entschließungsantrag der AfD-Fraktion gedenkt der Worte des ehemaligen Bundespräsidenten Herzogs, dass wir zu jeder Zeit auch in einer Demokratie unser Gespür für die Gefahren von Willkür und Unfreiheit schärfen müssen.
Der Gedenktag lädt ein zu Besinnung und dazu, still zu werden, angesichts des unermesslichen Leids und des unverzeihlichen Versagens von Menschen.
Die Gedenkstunde heute Morgen führte uns in diese Stille hinein – besonders der bewegende Vortrag von Tamar Dreifuss, für den ich ihr sehr danke. Ich wünsche ihr den Segen Gottes.

Quellen: Video: https://www.youtube.com/watch?v=NO4XfUYAtPg&ab_channel=AfD-FraktionNRW
Text: https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMP17-158.pdf

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