Erstes Esslinger Turmgespräch: Festo spricht über Standort, Stellenabbau und Politik
Von Stephan Köthe

Im Bild von links nach rechts: Festo-Vorstandsvorsitzender Thomas Böck, Oberbürgermeister Matthias Klopfer, Prof. Dr.-Ing. Tomas Smetana, IHK-Geschäftsführer Christoph Nold
Am 24. September 2026 fand im sanierten Dicken Turm der Esslinger Burg das erste Esslinger Turmgespräch statt. Eingeladen hatten die Stadt Esslingen und die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Die Veranstaltung war ausgebucht. Moderatorin Petra Klein führte durch den Abend. Auf dem Podium: Oberbürgermeister Matthias Klopfer, IHK-Geschäftsführer Christoph Nold, Festo-Vorstandsvorsitzender Thomas Böck und Prof. Dr.-Ing. Tomas Smetana, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei Festo.
Das Format soll künftig regelmäßig Wirtschaft, Stadt und Region ins Gespräch bringen. IHK-Geschäftsführer Nold und Oberbürgermeister Klopfer betonten das Miteinander: Esslingen sei klein genug für kurze Wege, der Landkreis müsse mitgedacht werden. Vertrauen entstehe durch Regelmäßigkeit – Stadtteilgespräche, Unternehmensbesuche, direkten Kontakt.
Festo gehört zur Stadt – und steht unter Druck
Festo ist für Esslingen mehr als ein Arbeitgeber. Oberbürgermeister Klopfer nannte die enge Verbindung zur Hochschule Esslingen, die Präsenz in den Schulen und bürgerschaftliches Engagement – darunter eine große Einzelspende zur Sanierung des Turms. Gleichzeitig lag der angekündigte Stellenabbau im Raum. Bundesweit sollen bei Festo rund 1.300 Stellen wegfallen. Vor der Tür hatte es eine Mahnwache der IG Metall gegeben.


Festo-Vorstandsvorsitzender Böck sagte offen, die Entscheidung mache „überhaupt keinen Spaß“. Das Unternehmen handle aber, solange es noch Kraft habe. Abwarten wäre teurer. Das klassische deutsche Exportmodell – entwickeln und produzieren in Deutschland, verkaufen in die Welt – sei ins Wanken geraten. Gründe: geopolitische Multipolarität, Zölle, nichttarifäre Handelshemmnisse und der Strukturwandel in der Autoindustrie. Der direkte Automotive-Anteil liege bei etwa 17 Prozent. Rechnet man Maschinenbau und Elektronikproduktion hinzu, wirke rund 35 Prozent mit Schwerpunkt Deutschland auf Festo zurück.
Aktuelles Wachstum komme vor allem aus der Halbleiterindustrie in Südostasien, Indien, China und trotz Zöllen wieder aus Nordamerika. Deutschland nehme daran derzeit nicht teil.
Innovation statt nur Kürzen
Prof. Dr.-Ing. Smetana, seit 1. Mai im Unternehmen und zuvor lange bei Schaeffler in Herzogenaurach, nannte drei Bedingungen für Wachstum: Innovation, eine schlankere Organisation und Bildung. Das Programm heiße nicht nur Personalabbau, sondern „Shift to Growth“. Neue Berufsbilder entstünden. Einen Konstrukteur mechanischer Bauteile könne man nicht einfach zum KI-Analysten umschulen. Esslingen bleibe Fokus für Innovation und Zukunft. Eine neue Generation der Pneumatik mit eingebetteter KI solle hier entstehen.
Unter „physischer KI“ verstehen die Vorstände Intelligenz in den Produkten selbst – etwa Ventilinseln, die Bewegungen beobachten und den Energieeinsatz um bis zu 60 Prozent senken. Das sei keine Chat-KI von Google oder OpenAI. Prof. Dr.-Ing. Smetana: Manchmal sei es eine große Hilfe, wenn die Politik bei genau dieser industriellen KI nichts tue. Überregulierung koste Arbeitsplätze, ohne dass die kleinen Steuerungen in Zylindern ein Sicherheitsrisiko wie große Sprachmodelle seien. Nach Gesprächen habe Bundeskanzler Friedrich Merz signalisiert, industrielle KI von den EU-AI-Act-Belastungen auszunehmen.
Was Stadt kann – und was nicht
Oberbürgermeister Klopfer nannte als kommunale Hebel Bildung (Kitas und Schulen), ÖPNV und Standortattraktivität. Grenzen seien knappe Flächen im Neckartal und langsame Genehmigungen. Große Projekte schaffe die Verwaltung in Sonderstrukturen schnell. Der Alltag müsse rechtssicher bleiben, aber schneller und mit mehr Ermessen werden. Bürokratie ersetze oft Rechtssicherheit – dieser Vorteil dürfe nicht zur Langsamkeit werden.
Festo-Vorstandsvorsitzender Böck beschrieb den Draht zur Stadt als extrem kurz: Antworten in Millisekunden. Das eigentliche Problem liege in Bundes- und Europapolitik.
Was sollte die deutsche Politik ändern, damit es wieder aufwärts geht?
Die zentralen Antworten aus dem Turm, vor allem von Festo-Vorstandsvorsitzenden Böck und Prof. Dr.-Ing. Smetana:
1. Verlässlichkeit statt Agenda-Hopping. Smetana verwies auf die Hightech-Agenda mit sechs Feldern (unter anderem KI, Mikroelektronik, New Mobility/Batterie, Quantum, Fusion, Biotech). Festo sei in fünf davon tätig. Eine Agenda sei aber keine Strategie mit Roadmap und Haltbarkeit. Negativbeispiel: grüner Wasserstoff. Technik sei vorhanden und bezahlbar, Rahmenbedingungen zur Skalierung fehlten. Ziele (10 Gigawatt bis 2030) seien gerissen. Unternehmen wie Bosch und Schaeffler hätten dreistellige Millionenbeträge abgeschrieben. Niemand investiere so viel, wenn das Thema fünf Jahre später von der Agenda verschwindet.
2. Handel auf Gegenseitigkeit. Deutsche Kunden bauten Fabriken in Osteuropa, China und Indien. Subventionen für E-Mobilität, Solar und Wind landeten oft im Ausland. China zwinge Importeure zu lokaler Fertigung, Einkauf und Arbeitsplätzen – sonst stiegen die Zölle. Europa tue das kaum und belaste sich zugleich mit Instrumenten wie dem Carbon Border Adjustment Mechanism, den Böck als nichttarifäres Handelshemmnis bezeichnete. Wer den europäischen Markt will, solle hier Wertschöpfung und Jobs schaffen. Ausländische Direktinvestitionen in Deutschland gingen zurück.
3. Weniger Bürokratie, mehr Tempo. Genehmigungen müssten schneller werden, ohne die Rechtssicherheit aufzugeben. Das könne keine Kommune allein entscheiden – Land, Bund und EU seien gefordert.
4. Industrielle KI nicht mit Plattform-KI in einen Topf werfen. Regulierung, die für Google, Microsoft und OpenAI gedacht ist, darf Komponenten aus Esslingen nicht ausbremsen.
5. Standort wieder investitionswürdig machen. Bildung und Hochschule ja – aber Entscheidungen, die heute nicht fallen, fehlen in zehn bis fünfzehn Jahren. Smetana nannte auch Kapazitätsnachteile: ein Ingenieur komme in Deutschland auf rund 1.500 Jahresstunden, in Sofia auf 1.800, in China auf 2.100 – plus Kostenunterschied. Esslingen solle trotzdem Innovationsstandort bleiben. Dafür müsse Politik Rahmen setzen, die Investitionen lohnen.
Festo-Vorstandsvorsitzender Böck fasste die Unternehmensseite so: den Mund aufmachen, politisch argumentieren und schneller innovieren als die chinesische Konkurrenz. Die Inhaberfamilie denke in Generationen und wolle unabhängig bleiben. Kürzen allein reiche nicht. Es brauche gleichzeitig eine Wachstumsagenda.
Nach dem Podium lud Oberbürgermeister Klopfer zu Imbiss und Gespräch. Das Turmgespräch soll kein einmaliger Abend bleiben. Ob daraus mehr wird als nette Worte über dem Neckartal, entscheidet sich nicht im Turm – sondern daran, ob Bund und EU die Punkte aufgreifen, die ein Esslinger Familienunternehmen dort öffentlich ausgesprochen hat.
Was die beiden Festo-Vorstände von der Politik fordern, entspricht im Wesentlichen der Programmatik der Alternative für Deutschland.
Was wir zusätzlich umsetzen möchten und was an diesem Abend nicht genannt wurde: Energiekosten senken (durch Streichung der CO2-Steuern, EEG und Wind-/Solar-Subventionierung beenden, günstigere Energieimporte), Verbrennerregeln liberalisieren, Lieferkettengesetz abschaffen, Steuern/Nachfolge bei Familienunternehmen senken/erleichtern.
Solange die CDU in Bund und Land Allianzen mit linken Wirtschaftsunweisen schließt, um ihre Macht für ein paar Jahre zu verlängern, wird nichts davon umgesetzt. Solange wird es abwärts gehen. Eine politische Wende gibt es nur mit der Alternative für Deutschland!
EU-bedingte Zusatzbelastungen:
- Nachhaltigkeitsberichterstattung
- Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz
- CBAM
- Entgelttransparenzrichtlinie
- Entwaldungsrichtlinie
- Green Claims Richtlinie
- Praktikumsrichtlinie
- DSGVO
- Data Act
- Digital Markets Act
- Digital Services Act
- MiFID
- REACH
- Cybercrime-Rechtsvorschrift (NIS 2)
- Medical Device Regulation
- Barrierefreiheitsstärkungsgesetz
- Data Governance Act
- Hinweisgeberschutzgesetz
- AI Act
- Green Deal
- A1 Bescheinigung
- Verbrennerverbot
Quelle: IHK
