Die ersten neuen O-Busse sind da!
Von Stephan Köthe
Der Städtischer Verkehrsbetrieb Esslingen realisiert eines der ambitioniertesten Elektrifizierungsprojekte im deutschen ÖPNV: Bis Ende 2026 wird der gesamte städtische Linienbusverkehr auf 100 % Elektromobilität umgestellt. Esslingen wird damit eine der ersten Städte Deutschlands mit komplett emissionsfreiem Bus-Nahverkehr.
Fahrzeuge und Antriebstechnik
- Anzahl und Typen: 52 neue Batterie-Oberleitungsbusse (auch In-Motion-Charging- oder Dual-Mode-Busse genannt) von Škoda Electric (Škoda Group, Tschechien). – Škoda 32Tr: 12-m-Solobusse (meist zweitürig) – Škoda 33Tr: 18-m-Gelenkbusse (dreitürig, zwei angetriebene Achsen – Mittel- und Hinterachse für bessere Traktion im hügeligen Gelände).
- Antrieb: Emissionsfreie Škoda-Asynchronmotoren. Die Busse beziehen den Strom primär aus der Oberleitung und laden dabei gleichzeitig ihre Batterie. Auf nicht elektrifizierten Abschnitten fahren sie rein batterieelektrisch.
- Batterie-Reichweite: Bis zu 25 km (SVE-Angaben teilweise bis ca. 30 km, abhängig von Beladung, Topografie, Klimatisierung und Fahrweise). Die Batterien wiegen nur ca. 1 Tonne – deutlich leichter und kleiner als die 3–4-Tonnen-Akkus reiner Batteriebusse. Dadurch geringerer Ressourcenverbrauch und höhere Effizienz.
- Rekuperation: Bremsenergie (besonders bergab) wird zurückgewonnen und lädt die Batterie.
- Laden: – Während der Fahrt unter der Oberleitung (kein zusätzlicher Zeitaufwand). – Nächtliches Nachladen auf den Betriebshöfen (geplant: 54 Ladeplätze mit Wallboxen). – Stromversorgung zu 100 % aus Ökostrom der Stadtwerke-Tochter „grün ES“ → CO₂-neutraler Betrieb.
Infrastruktur
- Bestehendes Oberleitungsnetz: ca. 29 km.
- Erweiterung um ca. 5 km (Pliensauvorstadt bereits fertiggestellt; weitere Abschnitte Zollberg, Esslinger Norden und Altstadtring folgen bzw. laufen).
- Damit können alle SVE-Linien elektrisch bedient werden.
- Zusätzlich werden Betriebshöfe und Unterwerke angepasst.
Kosten und Förderung
- Auftragsvolumen für die 52 Busse: rund 41,5 Millionen Euro.
- Bundesförderung: 27,4 Millionen Euro (größte Einzelförderung, die Esslingen jemals vom Bund erhalten hat). Weitere Unterstützung kommt vom Land Baden-Württemberg.
Fahrgastkomfort und Ausstattung (Schwerpunkte aus den Reden und Herstellerangaben)
- Barrierefreiheit: Automatische elektrische Rampe (vom Fahrerarbeitsplatz bedienbar), zwei große Mehrzweckflächen (eine speziell 2,15 m lang – geeignet für Rollstühle, Kinderwagen, Fahrräder und Rollatoren).
- Sitze: Hochlehnersitze mit hohem Komfort (eher regionalbusähnlich als klassische Stadtbus-Sitze), damit möglichst viele Fahrgäste sitzen können.
- Klima: Vollklimatisierung mit Systemen von Eberspächer (Wärmepumpe/AC 135). Heizen und Kühlen funktionieren effizient ohne Abwärme eines Verbrennungsmotors – wichtig für Fahrgastkomfort bei Hitze und Kälte.
- Information und Orientierung: Innenanzeigen der nächsten Haltestellen, akustische Ansagen, farbige Liniennummern außen, externe Lautsprecheranlage (Fahrer kann sehbehinderte Fahrgäste gezielt ansprechen).
- Sicherheit und Sicht: Elektronische Kameraspiegel statt klassischer Außenspiegel (Weitwinkel, kaum tote Winkel, Infrarot-Nachtsicht, kein Regenproblem).
- Weitere Features: 30-km/h-Limiter-Schalter für Tempo-30-Zonen, taktile Haltegriffe an Ausstiegstüren, Haltewunsch-Taster an den Behindertenplätzen, modernes Fahrgastinformationssystem und WLAN.
Zeitplan und Flottenentwicklung
- Erste Fahrzeuge (darunter die beiden bei der Feier präsentierten) werden im Sommer 2026 geliefert.
- Bis Ende Oktober 2026 sollen rund 46 Busse da sein, die restlichen bis Ende November / Jahresende.
- Zusammen mit den bestehenden 10 Oberleitungsbussen ergibt sich eine reine Elektroflotte von 62 Fahrzeugen.
Historischer und strategischer Kontext
Esslingen betreibt seit dem 10. Juli 1944 ununterbrochen Oberleitungsbusse (eine der wenigen deutschen Städte mit O-Bus-Tradition neben Solingen und Eberswalde). In den 1990er Jahren gab es bereits Experimente mit Duo-Bussen (Oberleitung + Batterie). Das aktuelle Projekt baut auf dieser Erfahrung auf und macht aus der historischen Infrastruktur einen modernen, flexiblen und ressourcenschonenden Betrieb.
Vorteile gegenüber reinen Batteriebussen oder Dieseln: kleinere und leichtere Batterien, höhere Energieeffizienz unter der Oberleitung, keine lokalen Emissionen und deutlich weniger Lärm, hohe betriebliche Flexibilität und langfristig geringere Kosten durch die vorhandene Infrastruktur.
Die neuen Busse tragen das Esslinger Design mit Elementen des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) und werden künftig das Straßenbild und den Alltag der Fahrgäste (rund 10.000 pro Tag auf den O-Bus-Linien) prägen. Wartung und Service erfolgen in enger Kooperation mit lokalen Partnern in Esslingen, was kurze Wege und hohe Verfügbarkeit sichert.
Diese technischen Eckdaten machen das Projekt zu einem der innovativsten und umsetzungsstärksten Beispiele für die Verkehrswende im städtischen Busverkehr in Deutschland.


Von links nach rechts: Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der tschechische Botschafter Jiří Čistecký, Karel Majer und Jan Christoph Harder von der Škoda Group, Jörg Steins von Eberspaecher, Staatssekretär Raimund Haser und Finanzbürgermeister Ingo Rust.

Von links nach rechts: Oberbürgermeister Matthias Klopfer, Jan Christoph Harder und Karel Majer von der Škoda Group

Der tschechische Botschafter Jiří Čistecký trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Esslingen ein.

Staatssekretär Raimund Haser (CDU) trägt sich in das Goldene Buch der Stadt Esslingen ein.
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