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Der Weltkrieg kommt!

Von Roger Köppel
Gehalten am 26.07.2026 auf dem Demokratie-Kongress der AfD im Paul-Löbe-Hause in Berlin

Herr Staatspräsident, lieber Václav Klaus, ist eine große Ehre, dass man auf der Bühne stehen kann. Nach Ihnen eine der ganz großen liberalen und konservativen Leuchttürme in unserer Zeit, in unserer verrückten Zeit. Meine Damen und Herren, sehr geehrte Frau Weidel, sehr geehrte Herr Chrupalla, meine hochgeschätzten verehrten Damen und Herren, vielen herzlichen Dank für diese Einladung und für die Bereitschaft, einem Schweizer hier die Bühne aufzutragen.

Und ich kann Ihnen sagen, die Demokratie ist ein interessantes Thema, weil wir heute in Zeiten leben, in denen zwar sehr häufig über Demokratie gesprochen wird, aber immer weniger Leute verstehen, was Demokratie eigentlich bedeutet.

Und wissen Sie, ich komme aus einem Land mit einer direkten Demokratie. Und je häufiger bei uns die Politiker über Demokratie sprechen, alles über Demokratie bezeichnen, nicht Demokratie, und die Demokratie zu einem Begriff machen, desto misstrauischer werde ich über diesen omnipräsenten Gebrauch und eben Missbrauch des Wortes Demokratie.

Und ich kann Ihnen sagen: Je häufiger über Demokratie gesprochen wird von Demokraten, angeblichen, von Politikern, desto genauer, desto kritischer müssen wir hinhören. Denn überall dort, wo Demokratie drauf steht, ist oft Demokratie gar nicht mehr drin.

Ja, das ist wie bei diesen Kinderzeichnungen. Als ich im frühen Kindergarten als Fünf- oder Sechsjähriger beispielsweise ein Pferd oder ein bestimmtes Tier zeichnen musste, dann war das nicht zu erkennen vom Auge. Also habe ich darunter geschrieben „Pferd“ oder „Haus“, damit man überhaupt erkennt, was es ist. Und das ist genau das Problem heute mit der Demokratie, meine Damen und Herren. Die muss immer wieder angeschrieben werden, weil sonst würde man gar nicht erkennen, dass es eine solche noch gibt.

Und ich kann Ihnen aus Schweizer Sicht sagen, wie wir die Demokratie definieren. Die Demokratie ist die Staatsform des institutionalisierten Misstrauens des Bürgers gegenüber dem Staat und gegenüber der Politik.

Das institutionalisierte Misstrauen. Das heißt: In der Demokratie ist der Bürger gerufen, die Demokratie immer wieder zu verteidigen. Notfalls natürlich auch gegen die Politiker, die er demokratisch gewählt hat.

Und wir beobachten heute in Deutschland, in der Schweiz, in Europa – und das ist hoch interessant – einen Prozess, der sich gewissermaßen tatsächlich zur Kenntlichkeit entstellt: Es gibt Interessenkonflikte, Interessengegensätze zwischen der sogenannten politischen Klasse, die im Namen der Demokratie zu reden vorgibt, und den Bürgerinnen und Bürgern, die das Gefühl bekommen, dass die Demokratie über ihre Köpfe hinweg von den Politikern für ihre eigenen Interessen missbraucht wird.

Und die Demokratie ist nicht nur die Staatsform des institutionalisierten Misstrauens des Bürgers gegenüber dem Staat, sondern die Demokratie ist natürlich immer auch die Staatsform der Alternativen, die Staatsform der Auswahl.

Und in jeder Demokratie, meine Damen und Herren, muss es eine Auswahl von möglichst vielen Positionen geben. Und kein Politiker, kein Staatspräsident, kein Regierungschef, kein Verfassungsgericht, keine Kirche – niemand hat das Recht, diese Auswahl an Positionen, an Meinungen, an legitimen Möglichkeiten, an Auswahlmöglichkeiten einzuschränken.

Und wenn Ihnen jemand sagt, wir leben in einer alternativlosen Demokratie, wir sind sozusagen im Zustand der Alternativlosigkeit angekommen, dann merken Sie, dass die Demokratie zum Gaunerwort verkommen ist. Zu einem Wort, das missbraucht wird, das gegen seine ursprüngliche Bedeutung eingesetzt wird.

Jede Demokratie lebt von den Alternativen, von der Auswahl.

Und dann sind wir am nächsten Punkt. Demokratie heißt natürlich, dass alle mit allen über alles reden, was sie betrifft – über alles, was den Bürger betrifft. Weil in der Demokratie, in der Volksherrschaft, die Lebenswirklichkeit des Bürgers, des Souveräns, den Ausschlag geben muss und nicht die Lebenswirklichkeit der Politiker und die Interessen der Politiker, sondern die Interessen der Bürger. Das ist die Demokratie, meine Damen und Herren.

Und was wir heute erleben, nicht nur in Europa, nicht nur in der Europäischen Union, auch in der Schweiz, interessanterweise in Deutschland – ich erlaube mir den Hinweis auf eine noch relativ junge Demokratie: Wir erleben hier nicht die Beseitigung der Demokratie. Wir erleben eine höchst vitale Demokratie, in der auf eine Art und Weise gerungen und gestritten wird, wie ich das als früher hier tätig gewesener Chefredaktor nie erlebt habe. Sie haben heute in Deutschland natürlich wieder Grundfragen, die politisch und kämpferisch ausgefochten werden, die Ausdruck sind einer sehr lebendigen demokratischen Kultur.

Das wird jetzt einige von Ihnen überraschen, dass man so etwas sagt. Sie haben vielleicht erwartet, dass Ihnen der Schweizer sagt: „Hör, Sie haben ja gar keine richtige Demokratie hier in Deutschland.“ Das stimmt natürlich verglichen mit dem, was wir in der Schweiz haben. Aber wir wollen ja nicht zu viel auf einmal verlangen.

Nein, ist doch interessant. Nehmen wir die Partei Alternative für Deutschland. Es ist vorher gesagt worden, dass Staatspräsident Václav Klaus im Jahr 2015 oder 2016 bereits verkündet hat: Wäre er Deutscher, würde er der AfD beitreten. Ich darf Ihnen jetzt ein Geheimnis verraten: Ich glaube, ein noch nicht ausreichend gewürdigter Anteil bei der Gründung der AfD hatte ich. Das ist Ihnen gar nicht bewusst, weil die Gründer der AfD, Alexander Gauland und Konrad Adam, meine Mitarbeiter waren, Redakteure und Kolumnisten, als ich bei der Welt hier in Berlin Chefredaktor war. Und ich war drei Jahre hier, habe meinen Vertrag erfüllt. Und ich kann Ihnen sagen: Viele von den Gedanken, viele von den Diskussionen, die wir damals in der Redaktion geführt haben, habe ich dann im ersten Parteiprogramm der AfD wiederkannt – ohne dass ich hier jetzt Copyright-Ansprüche geltend machen möchte. Aber es hat den Schweizer doch gefreut, dass diese Ideen in diesem nicht immer so zugänglichen journalistischen deutschen Umfeld auf so fruchtbaren Boden gefallen sind.

Die AfD – ich glaube, die AfD wird komplett falsch beurteilt in der Publizistik, so wie ich sie sehe, so wie ich sie empfinde in der Schweiz.

Man sagt der AfD ja nach, sie sei eine Bedrohung der Demokratie in Deutschland. Sie sei eine Gefahr für die demokratische Kultur in diesem Land.

Nun, es ist immer richtig, auch Parteien und Parteineugründungen misstrauisch zu begegnen. Und vielleicht stimmt es ja, vielleicht ist diese neue Partei eine Bedrohung der Demokratie. Das ist eine legitime Diskussion, die man führen kann, selbstverständlich. Und es ist auch richtig, dass sich eine neue Partei in Deutschland mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen muss, dass sie einem demokratischen Misstrauen unter den Parteien, aber eben auch unter den Deutschen begegnet. Sie muss sich rechtfertigen, sie muss sich beweisen.

Und dass man natürlich in Deutschland in der Historie Deutschlands vielleicht etwas misstrauisch ist, wenn da eine neue Partei kommt, die schnelle Fortschritte macht, die aufsteigt, die mit rhetorischer Brillanz und rhetorischer Vehemenz sehr viele Leute in den Ausnahmezustand der Begeisterung versetzen kann – da müssen Sie sich als AfDler sagen: Wenn Sie nicht kritisiert werden, wenn man Sie nicht permanent beobachten und beäugen würde, wenn man Sie nicht kritisieren würde mit Argumenten, die zum Teil gar keine Argumente sind, sondern einfach nur Beleidigungen, dann hätten Sie etwas falsch gemacht. Dann wären Sie eine Partei, die sich in einem Akt der politischen Überassimilation durch ihren Erfolg hätte korrumpieren lassen, dadurch, dass Sie keine Alternative mehr sind oder einfach mitschwimmen im Mainstream der deutschen Politik.

Und wer gegen den Strom schwimmt, meine Damen und Herren, der muss mehr Muskeln haben, der muss sich mehr anstrengen. Das ist nicht so einfach, wie da in den gemachten Betten etwas von oben herab hochnäsig auf die Konkurrenz herunterzuschimpfen. Und das ist die große Stärke der AfD, meine Damen und Herren.

Es ist die ganz große Stärke Ihrer Partei, dass Sie dermaßen angefeindet werden, dass jeder Journalist hier in diesem Raum – Sie haben die Griffel gespitzt hinten – schon auf jedes falsche Wort wartet. Sie können sich keinen Fehler erlauben, meine Damen und Herren. Sie können keinen Fehler machen.

Die anderen, die Etablierten, die können laufend Fehler machen, und man staunt, mit wie vielen Fehlern sie auch noch durchkommen. Aber Sie können sich keinen einzigen Fehler erlauben. Und das ist gut so. Das nennt man demokratische Kontrolle. Das ist die Kultur der Checks and Balances. Und da verbietet sich natürlich jegliche parteipolitische Wehleidigkeit.

Also meine Damen und Herren: Wer in die Opposition geht, wer den anderen sagt „Ihr liegt kolossal falsch“ – und das wird dann rhetorisch noch in anderer Wucht von den Kanzeln heruntergedonnert –, wer das tut, kann ja nicht erwarten, dass ihm die, die er widerlegt, applaudieren. Sie müssen diesen Gegenwind bekommen. Sie werfen ja die anderen von der Schiene. Sie sagen denen: „Ihr Narren, macht einmal die Augen auf. Ihr lebt an der Wirklichkeit vorbei.“ Und wenn man dann erwartet, von den anderen auch noch ein Schulterklopfen zu bekommen, dann haben Sie nicht verstanden, was demokratische Opposition bedeutet.

Und Opposition – und das ist auch ein interessantes Thema, was Ihnen nie jemand sagt in Deutschland. Da schreibt Ihnen kein Journalist, darum müssen die Schweizer kommen, um das zu erzählen.

Die Frage ist ja – vielleicht verwundert Sie das auch selber, Herr Chrupalla, Frau Weidel: Warum eigentlich stehen wir so in diesem Gegenwind? Warum gibt es uns überhaupt noch? Warum sind wir noch nicht zusammengeklappt, in Depressionen verzweifelt, Alkoholiker geworden? Angesichts dieser brutalen Gegenwehr unserer Konkurrenz, der Unfairness und all diesen Vorwürfen, die da erhoben werden, völlig ungerechtfertigt. Warum stehen wir eigentlich immer noch? Haben Sie sich mal die Frage gestellt? Ich kann Ihnen sagen, warum Sie noch stehen.

Im Gegenwind können nur die Leute stehen, die auf festen, soliden Grundsätzen stehen. Und Parteien und Politiker, die keine festen Grundsätze haben, die klappen zusammen, die knicken ein. Also die Tatsache, dass Sie immer noch stehen, dass es Sie immer noch gibt, ist natürlich ein unglaublicher Erfolgsausweis, der natürlich in diesem von Neid bestimmten politischen Geschäft nicht überall mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Und Sie widerlegen ja täglich auch die Journalisten in Deutschland, ganze Legionen, die Ihnen seit etwa 10, 15 Jahren den unmittelbar bevorstehenden Untergang prophezeien.

Jetzt können Sie von den Journalisten auch nicht erwarten, dass sie Freude haben, wenn sie jeden Tag von Ihnen widerlegt werden. Sie müssen diese Kritik als Ehrenabzeichen, als Schwimmabzeichen mit Stolz vor sich hertragen.

Kommen wir jetzt aber zum entscheidenden Punkt.

Ich bin ja Historiker, jenseits dilettierender Politiker im Nebenamt, begeisterter Journalist, Deutschlandversteher und hauptberuflich Pflichtverteidiger aller Verfemten und Verdammten dieser Erde.

Und da überlege ich mir natürlich diese Narrative.

Was ist eigentlich das Interessanteste an der AfD und was ist aus meiner Sicht völlig unmaßgeblich als Schweizer? Was ist das Faszinierende an dieser AfD? Wir haben festgehalten: Man sagt, sie sei eine Gefahr für die Demokratie.

Nach meiner Beurteilung ist die AfD etwas anderes. Die AfD ist Ausdruck und Produkt der Demokratie in Deutschland.

Und die AfD ist ein Eigengewächs, eine politische Selbstschöpfung von unten nach oben herausgewachsen aus dem Unmut der Bevölkerung aufgrund der Wiedervereinigung in diesem Land.

Und das ist ein hochfaszinierender Prozess, auch ein aufrüttelnder Prozess. Denn die Leute, die ich erwähnt habe, das waren Mitarbeiter der Welt, eingebettet im Springer-Verlag ins transatlantisch-westliche Denken – das waren die Gründer der AfD. Und diese Gründer haben im Westen eine Partei gegründet mit vielen Argumenten, die Präsident Václav Klaus hier vorgetragen hat, nämlich dass die EU ein intellektuelles Fehlkonstrukt ist – das hat mir ja schon längst durchschaut.

Ja, wenn alle für alles verantwortlich sind, aber niemand für etwas, dann kann es einfach nicht funktionieren. Meine Damen und Herren, aus diesem Unbehagen an der Europäischen Union ist die AfD im Westen entstanden.

Dann hat sie übergesiedelt in den Osten des Landes, ist dort stark gewachsen, noch stärker gewachsen, hat sich um Themen erweitert und ist dann wieder in den Westen hinübergewachsen. Und jetzt wächst beides zusammen in der AfD.

In der AfD haben wir eine Partei, die ähnlich wie die Grünen in der alten Bundesrepublik von unten nach oben – man könnte sagen basisdemokratisch – aus einem Gefühl der Realitätslücke in der deutschen Politik von unten entstanden ist. Aber die AfD hat eben das faszinierende Merkmal, dass bei Ihnen die Wiedervereinigung in beiden deutschen Staaten, könnte man sagen Teilstaaten, die AfD von unten hochgewachsen ist. Das heißt: Sie sind nicht nur ein Produkt dieser Wiedervereinigung, ein demokratisches, sondern sie sind auch ein Bindeglied dieser in gewissen Teilen noch nicht vollständig vereinigten Landeshälften, wie man nach den letzten Wahlen hat sehen können.

Und ich glaube: Unabhängig davon, ob man die AfD kritisiert und findet, dass es da Exponenten gibt oder Positionen, die einem überhaupt nicht behagen – und man diskutiert darüber: Ist sie zu NATO-kritisch, ist sie zu EU-kritisch, ist sie zu ausländerkritisch? Sind das falsche Vorstellungen? Darüber kann man diskutieren, darüber soll man streiten, darüber soll man eine Richtungsdebatte führen. Aber ich glaube, worauf alle Deutschen ehrlich stolz sein können – und da bin ich jetzt also nicht gönnerhaft, da aus der Schweiz sprechend, ich bin auch 25 Prozent Deutscher, ich kann hier mitreden, kompetenter als viele andere Deutsche, die da auch permanent etwas dazu sagen –: Die Deutschen können stolz sein auf eine Partei wie die AfD, die bewiesen hat und beweist, dass hier eine hochvitale Demokratie auch über die Grabenbrüche der Geschichte zusammengewachsen ist und eine Partei, die das in sich verkörpert. Das ist eine sehr interessante Leistung.

Ich komme zum letzten Punkt.

Ich bin nicht sicher, wie lange meine Redezeit eigentlich ist, aber ich sehe schon, es greifen da einige zum Kopfhörer zur Simultanübersetzung. Es ist also Hochdeutsch die Sprache, die ich hier anwende. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich komme zum letzten Punkt: Zur Spaßbremse. Zur Spaßbremse.

Meine Damen und Herren, ich mache mir allergrößte Sorgen über die Entwicklung der Lage in Europa.

Nach meiner Beurteilung sind wir auf einem unausweichlichen Pfad in einen großen Krieg in Europa.

Ich halte die Möglichkeit eines Weltkriegs auf unserem Kontinent – das habe ich heute in meiner Morgensendung ausgeführt – aus verschiedenen Gründen für ein leider immer plausibler werdendes Szenario, weil sich unversöhnliche Fronten gegenüberstehen: mit der Europäischen Union, Teilen der NATO, die der Überzeugung sind, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen und mit jeder Eskalation, die dieser Krieg nimmt, näher ans eigene Ziel einer strategischen Besiegung Russlands zu kommen. Und die Leute, die davon überzeugt sind – vielleicht auch ehrlich überzeugt sind –, sind nicht mehr zugänglich für andere Argumente, weil sie alle Gegenargumente automatisch als Propaganda aus Russland von sich schieben. Wir haben hier also eine ganz massive Funkstörung in der demokratischen Debatte. Wir haben eine ganz einschneidende, fürchterliche, in ihren Konsequenzen noch überhaupt nicht erfasste Alternativlosigkeit eines politischen Diskurses, eines Nichtdiskurses, der die Möglichkeit eines großen Krieges in Europa nicht einmal als Denkvariante in Betracht zieht. Und das ist brandgefährlich, meine Damen und Herren, auf unserer westlichen Seite.

Und hier rächt sich natürlich diese absolute Gesprächsverweigerung, dieser Diplomatieboykott, den wir haben. Denn die Strategen des Westens, die Strategen in Europa sind auf einem selbstgewählten Blindflug der Information. Denn wenn sie nie mit der anderen Seite reden, wenn sie sagen, jeder, der mit Putin redet, das sei sozusagen ein Stiefelknecht der Appeasement-Politik, der hilft da dem modernen Hitler, die ganze europäische Kontinentalplatte sich zu unterwerfen – das sei ein Landesverräter, den müssten wir sanktionieren, dem müssten wir das Mikrofon abstellen, dem müssten wir den Lebensunterhalt zerstören –, wenn sie auf diese Form der Finsternis zusteuern, wenn sie sich einbunkern in ihren Feindbildern, in ihrem Selbstgespräch und alle Stimmen ausgrenzen, die dagegen Zweifel erheben, die eine andere Sicht offerieren, wenn sie mit ihrem Feind – dem Angeblichen oder dem Tatsächlichen – jedes Gespräch verweigern, dann sind sie auf dem Weg zu einem unvermeidlichen Krieg.

Aber es ist ein Krieg, meine Damen und Herren, nach meiner Beurteilung, dem der Westen, dem Europa, dem Deutschland, dem die Schweiz nicht gewachsen ist, weil man sich überhaupt keine Vorstellung macht, was auf der russischen Seite passiert. Und das ist der Grund, warum ich als Journalist – jetzt sind wir beim Journalismus, jetzt sind wir beim Pflichtverteidiger der Verfemten und Verdammten – das ist der Grund warum ich in den letzten Jahren immer wieder wiederholt nach Russland gefahren bin. Nicht um mir die Positionen dort zu eigen zu machen, sondern um mir anzuhören, wie die andere Seite diesen Krieg beurteilt.

Und egal, ob es uns passt, was die andere Seite sagt, ob wir das falsch finden oder richtig: Es gilt in der Realpolitik, die unterschiedlichen Positionen zur Kenntnis zu nehmen. Und meine Damen und Herren, wir können ganze Seminarabende füllen. Wir können moraltheologische Abhandlungen schreiben. Wir können philosophische Seminare und Kaffeekränzchen abhalten, um die Frage zu beantworten, wer eigentlich Schuld ist an diesem Ukrainekrieg – ob das die NATO-Osterweiterung ist, ob das Putin ist und so weiter. Wir können diese Diskussion führen. Wer ist der größte Völkerrechtsbrecher aller Zeiten?

Aber am Ende des Tages, meine Damen und Herren, gilt es in der Demokratie eine entscheidende Frage zu klären. Und diese Frage lautet: Sind wir bereit, die Konsequenzen unseres Handelns, unserer Politik zu tragen? Sind wir bereit, einen Krieg zu führen, in den wir uns sozusagen im Zuge einer geistigen Mobilmachung mit jedem Tag mehr hineinreden? Sind wir uns dessen bewusst, was das bedeutet? Sind wir uns darüber im Klaren, was dieser Konflikt aus Sicht unseres potenziellen Gegners, unseres Feindes, was er an Motiven, was er an Interessen, was er an Ernsthaftigkeit aufbietet? Und sind wir sicher, dass wir diese Straße gehen wollen?

Und jetzt kommen wir zu einer sehr konkreten Kritik, meine Damen und Herren. Journalisten, Parteien, die vorgeben, die Lebenswirklichkeit der Leute, die Zukunft unserer Zivilisation, unsere Demokratie, unseres großartigen Europa zu vertreten.

Europa ist die meist unterschätzte Aktie der Gegenwart. Wir haben eine großartige Zukunft vor uns, wenn wir nicht alles daran setzen, sie zu zerstören. Wir müssen uns die Frage stellen: Wollen wir diesen Weg gehen oder wollen wir endlich ausbrechen aus diesem selbstgewählten Blindflug und wieder anfangen, das zu tun, was in einer Demokratie, was in einer europäischen Gesellschaft selbstverständlich sein sollte – nämlich das Gespräch zu suchen, auch und gerade mit denen, deren Meinung man nicht teilt, die man sogar ablehnt.

Und das ist die Frage, die sich auch jeder Journalist stellen muss: Sind wir bereit? Haben wir alles getan, um die Politik unserer Regierung zu hinterfragen? Haben wir alles unternommen, um zu verstehen, worum es in diesem Konflikt geht? Oder sind wir Schlafwandler einmal mehr in der europäischen Geschichte? Oder nicht einmal mehr Schlafwandler, sondern Leute, die auf offener Bühne sehenden Auges in einen Abgrund hineinmarschieren, wie wir es schon zweimal getan haben im letzten Jahrhundert?

Und meine Damen und Herren, ich weigere mich zu glauben und zu akzeptieren, dass die europäische Zivilisation, dass die Deutschen, die Franzosen, die Briten, die Balten, die Osteuropäer, die Russen alle von einem kollektiven Selbstmordgedanken befallen werden. Wir Europäer müssen mit anderen Europäern reden. Die Russen sind Europäer. Wir sind Europäer. Und wir haben diesen Frieden wieder herbeizuführen und aufzuhören, uns auf diesem Blindflug zu bewegen in diesem Vakuum der Information und der totalen eigenen Verblendung.

Vielen herzlichen Dank. Einen schönen Abend.

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